Im Bus

Sie sieht sich im Bus um. Wer ist der Mensch, der so sehr nach Mensch riecht, weil er offenbar noch nicht gelernt hat, dass man durchs Waschen und den Gebrauch einiger Wässerchen das Leben seiner Mitmenschen genussvoller gestalten kann? Und dass man dadurch auch sich selbst einen Gefallen tut? Sie zieht die Nase kraus und beschließt nur noch durch den Mund zu atmen. Erstes Problem gelöst.

Aber dann sind da ja noch diese Jugendlichen in der Reihe hinter ihr (von denen im Übrigen der Geruch ausgehen könnte) und die sich viel zu laut miteinander über ihre Leistungen in der Schule unterhalten. Schule … Wie wichtig ist die denn? Klar, immer noch tönten die Lehrermenschen und die Eltern, man lerne in der Schule fürs Leben. Genau. Weil man einem da erklärte, wie man sich zurecht findet, wenn man verloren geht, wie man seine Gefühle unter Kontrolle bekommt, wenn sie gerade wieder durch diesen einen Typen als Scherben am Boden liegen, wie man sich gut ernährt und wie man sich ernähren könnte, wenn eine Extremsituation auf einen zukäme, wie man sich im Internet zurecht findet und welche Seiten man aufrufen kann, welche Rechte man in welchen Situationen hat … Wieso nicht mal Fächer wie „Überleben“, „Juristerei“ und „Psychologie“ ab der siebten Klasse unterrichten? Statt Latein und Tangens und die Zusammensetzung der unterschiedlichen Bodenschichten in Sibirien?

Und dann sind da diese drei Spackentypen, die ihr Handy nicht leise schalten wollen: Keine Manieren von ihren ums Mittelmeer-stammenden Familie anerzogen bekommen. Oder vielleicht so viele, dass sie sich Zuhause benehmen und die Kultur außerhalb mit Füßen treten. Wer weiß?

Und dann dieser alte Kerl, der darauf gedrängt hat, den Sitzplatz der jungen Mutter zu erhalten, nur um sie jetzt lüstern anzugucken und der bestimmt gleich die Haltestelle bei der Nuttenstraße nimmt, sich aber jetzt noch kurz vorm Akt ausruhen will.

Und dann diese hennarotgefärbte Alternative, die so vorurteilslos und offen für alle sein mag, dass sie sich neben die breite Frau gequetscht hat, nur um ihr zu zeigen, dass neben ihr durchaus noch Platz ist – und jetzt können beide nicht atmen, ohne mit jedem Zug die Nachbarin zu berühren.

Und dann diese süße alte Oma, die ihre Gehhilfe neben den Kinderwagen geschoben hat und mit dem Kleinkind beginnt zu schäkern – weil das Lachen des Winzlings das einzige freundliche Gesicht sein wird, in das sie den gesamten Tag über blicken wird.

Und dann …

… kommt ihre Haltestelle.

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6 Kommentare zu „Im Bus

  1. Gut geschrieben. Ich würde der jungen Frau freilich wünschen, nach dem liebenswerten zu suchen, wo es sich etwas mehr versteckt, als bei alten Frauen, die mit Baby schäkern … Da gibt es viel zu entdecken … wenn man den Nerv dazu hat.

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