Faust I

Schon bevor das kleine Reclamheftchen, in das das deutsche Kulturgut hineingepresst worden war, überhaupt als Lektüre im Unterricht feststand, hatte man immer einmal wieder ein Raunen gehört: „Faust. Faust. Faust. Goethe … Meisterwerk … Bildungsgut … Teil deutscher Geschichte …“ Und man hatte sich gefragt, was dahinter steckte, doch selbst lesen wollte man es nicht. Aus Respekt? Aus Angst? Aus Faulheit?

Es war gut so. Allein gelesen hätte ich Goethes Kunststück nicht gemocht. Denn ich hätte es nicht verstanden. Doch „Faust I“ – und mein Lehrer – zeigten mir, was alles in einem schmalen Reclamheftchen stecken kann. Beeindruckend.

Unser Lehrer erklärte, Goethe habe stets zahlreiche Lexika (z.B. eines zur Mythologie) neben seinem Schreibtisch stehen gehabt, um sich aus ihnen zu bedienen, um sie in seine Schriften einzuarbeiten. Und das hat mich gleich noch einmal mehr beeindruckt. Dass Geschichten so konstruiert werden können, war mir neu. Dass man so viel hineinlesen konnte, auch.

Allerdings war und ist es oft Faust, der mir aus dem Herzen spricht, wenn er verkündet

»Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.«

Wie oft hatte ich den Eindruck, dass mein Innerstes zerrissen wurde (und manchmal noch wird) zwischen dem, was das Herz will, und dem, was der Verstand befiehlt. Der Verstand ist es, der einen oft angstvoll (oder vernünftig) vor Entscheidungen zurückweichen lässt, während das Herz drängt, das Leben „einfach“ zu leben. „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Oder?

(Zahlreiche weitere Faust-Zitate finden sich z.B. bei Wikiquote. Als Mensch wäre Goethe wohl nicht mein Freund geworden; aber als Schriftsteller ist er doch nichts anderes als großartig.)

6 Gedanken zu “Faust I

  1. Guten Morgen wünsche ich dir 😉

    Ich habe deine Worte in deinem Beitrag oben verstanden und hätte Goethe ebenso wenig verstanden, wie du *lächel* Dass er seine Bücher mit Hilfe von gelesenem Wissen interpretiert hat, war mir auch unbekannt. Finde es aber äußerst interessant und sag ein leises Dankeschön an dich für diese Information 😉

    Stimme mit dir auch vollkommen überein, dass es viel schöner wäre, wenn wir einfach das Leben leben würden. Dieser manchmal dumme Verstand macht uns da aber auch so manches Mal einen Strich durch die Rechnung.

    Wünsche dir einen wunderbaren Start in den Tag
    Liebe Grüße
    Heike

  2. Faust I mochte ich spontan, die mystische Seite sprach mich an. Faust II war weniger mein Ding. Ich mag klare Worte. Kryptische Botschaften, Interpretationen? Muss ich nicht ständig haben. Verstand und Herz, rational der Welten Schmerz. Ach … Ich denke, dass die Menschen lediglich verlernt haben ihr Gleichgewicht zu bewahren. Sie stolpern durchs Leben. Immer auf der Suche. Nur nach was? Dem Sinn, dem Selbst? Wir sind. Wir leben um zu leben. Und manchmal tanzen wir mit den Geistern, die niemand rief. Auch mit unseren Gedanken.

    1. Goethe hat quasi sein ganzes Leben immer wieder und gerade bis zu seinem Tod an Faust II gesessen, der ist also so etwas wie sein Lebenswerk, und man merkt schnell, dass da wesentlich mehr Zeit, Wissen und Mühe hineingeflossen ist als in den „Rest“, denn man kann den Faust II einfach nicht mit Goethes anderen Werken auf eine Stufe stellen.

      Faust II ist für den Normalsterblichen eigentlich kaum verständlich und wird selbst im Germanistikstudium erst im höheren Semester ausführlich bearbeitet.

      Obwohl ich daran natürlich nicht annähernd herankomme, was das Verstehen angeht, hat mir Faust II von Anfang sehr gut gefallen, weil das „Halbkönnen“ an Textinterpretation große Spielräume lässt, sodass ich das Gefühl hatte, es wäre für jeden Leser ein völlig eigenes Werk und somit meine „Fassung“ auch eine ganz individuell-spezielle Version.
      Ebenso mag ich dieses mystische, besonders vor dem Hintergrund des Kosmos´.
      Dieses endlose Hinterherdenken in Dimensionen, die man begreifen, aber nicht verstehen kann, hat mich selbst auch in den Wahnsinn getrieben; Goethes lebenslange Suche und den Versuch, gewisse Ergebnisse mit dem Faust in Worte zu packen, sind mir deswegen sehr nahe gegangen.
      Nicht zuletzt liebe ich auch einfach Goethes Ausdrucksweise, sodass man manche Passagen auch einfach nur des Wortflusses wegen lesen kann, wenn sich einem ihr tieferer Sinn nicht erschließt – bei den „Verständlichen“ natürlich sowieso. Was mir zum Beispiel im Kopf geblieben ist:

      „Alles Vergängliche
      Ist nur ein Gleichnis;
      Das Unzulängliche,
      Hier wird’s Ereignis;
      Das Unbeschreibliche,
      Hier ist’s getan;
      Das Ewig-Weibliche
      Zieht uns hinan.“

      Und am Ende löst Faust II natürlich die Fragen auf, die sein Vorgänger aufgeworfen hat.

      Ausschließlich Literatur in diesem Anspruch zu lesen, wäre mir natürlich auch viel zu mühsam. Manchmal soll es einfach klar und verständlich sein, und letztendlich soll Lesen meistens ja entspannen und Freude bringen.
      Neben der Freude war Faust für mich ein Haufen Arbeit. Aber diese Literatur, besonders Goethes, weckt in mir jedes Mal wieder eine tiefe Liebe zur ursprünglichsten Form der Sprachkunst und außerdem Gedanken, die mir höher vorkommen als vieles, was da sonst herumgeistert. Und das hat sich auf jeden Fall gelohnt.

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