Professors Zwillinge

1923 begonnen und 1929 mit dem fünften Band beendet ist die Kinderromanreihe „Professors Zwillinge“ der Autorin Else Ury vielleicht nichts mehr für heutige Leserinnen, obwohl ich sie als acht- oder neunjährige verschlungen habe. In ihnen wird das Zwillingspärchen Hperbert und Suse auf den Weg ins Erwachsenwerden begleitet: Zunächst begegnen wir ihnen als kleine Kinder bis zum 10. Lebensjahr; im 2. Band besuchen sie eine weiterführende, offenbar reformpädagogische Schule; im dritten Band folgt die komplette Familie dem Professorenpapa nach Italien; im 4. Band ziehen sie zurück nach Deutschland und die ersten Jugendabenteur folgen. Und im 5. Band schließlich wird geheiratet. Es ist sogenannte „Backfischliteratur“, mit den Erziehungsbildern der damaligen Zeit, wie auch das bekannteste Werk von Ury „Nesthäkchen“.

Ein bisschen „Heile Welt“ vielleicht. Das mag sein, spielen diese beiden und die meisten anderen Werke doch im gehobenen Bildungsbürgertum. Weit weniger heil wurde die Welt jedoch für die Autorin (*1877) selbst. Obwohl sie ihre Protagonisten im christlichen Umfeld ansiedelte, war sie selbst Jüdin. Nach Hitlers Machtergreifung unterstützte sie das neue Regime in der ersten Zeit durchaus, wurde aber durch die Judengesetze dann an der Veröffentlichung ihrer Werke gehindert; ihre alten Werke wurden allerdings weiterhin gelesen.

Ihr Bruder beging 1937 Selbstmord, andere Familienangehörige emigrierten, doch Else Ury kehrte 1938 nach einem einwöchigen Besuch in London wieder nach Deutschland zurück und verlor in den folgenden Jahren Schritt für Schritt alles. Am 13. Januar 1943 wurde sie zusammen mit 872 weiteren Menschen aus dem 1000 Menschen umfassenden Deportationszug direkt nach ihrer Ankunft in Auschwitz vergast.

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2 Kommentare zu „Professors Zwillinge

  1. Danke für den schönen Beitrag, der mich unvermittelt an meine Kinderzeit erinnerte und an die Schwierigkeiten für mich als Kind, die „alte Schrift“ zu lesen. Befasst habe ich mich mit dem Leben der Schriftstellerin nie, die ich doch so mochte, insbesondere auch Nesthäkchen (ich hoffe, ich verwechsle jetzt nicht Magda Trott und E. Ury). Um so erstaunlicher für mich, dass sie Jüdin war.
    Liebe Grüße aus Thüringen,
    Marlis

    1. Gern geschehen.

      Nein, du verwechselst sie nicht. Nesthäkchen hat sie genauso geschrieben wie zahlreiche andere, mittlerweile vergessene, aber noch während der Nazizeit sehr gern gelesene Bücher.

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