Die Freiheit im Alleinsein

Der Wind zog ihre Haare in die Höhe, ihre Augen blickten müde in die Sonne, der Rücken schmerzte an den Stellen, wo ihr BH die von Sonnenbrand gerötete Haut rieb, die Füße stolperten durch den heißen Sand, ihre Augen brannten vor Trockenheit. Kurz: Sie hatte schon einmal bessere Tage erlebt.

Der Mann, der mit ihr ging, bot ihr etwas zu trinken an, sie nickte, trank gierig, reichte ihm die Flasche zurück. Wieso hatte sie sich überhaupt auf diese Tour eingelassen? Wieso streifte sie durchs Outback? Wem bewies sie etwas damit? Natürlich machte sie es wegen eines Typen. Aber genau der scherte sich nicht um sie, lief mit den frischer aussehenden Mädels vornweg. Wieso war sie nicht in der Stadt geblieben? Verdammt.

Der alte Mann fasste ihre Hand, stoppte sie, deutete auf eine Steinformation, einen kleinen Felsen und zog sie mit sich. Mit sicheren Schritten trat er auf den Felsen zu und betrat eine Höhle, die kühl und sogar etwas feucht war. Ohne zu zögern folgte sie ihm, bis sie Geplätscher hörte. Wasser. Fragend sah sie ihn an. Von irgendwoher brach Licht durch die Höhlenwände und sie sah, dass er ihr deutete, sie solle das Wasser trinken. Also formte sie mit ihrer Hand eine Kelle: Nichts in ihrem Leben hatte bisher so gut geschmeckt! Dann nahm der Alte eine Paste aus seiner abgewetzten Tasche und rieb sie ihr auf die schmerzende Haut. Augenblicklich wurde der Schmerz gelindert. Der Alte nickte zufrieden.  Er schien keine Eile damit zu haben zu den anderen zurückzukehren und auch sie wollte nicht zurück, wollte nicht sehen, dass ihr Reisebegleiter sich lieber um die blonde Dänin kümmerte als um sie. Nie mehr zurück zu dieser Demütigung wollte sie. Der Alte schien ihre Gedanken zu lesen, ballte seine Faust und deutete ihr damit: „Stark sein.“

Stark kam sie sich nicht vor. Eher abgeschlafft, ausgelaugt, ausgezehrt. Betrübt sah sie zu Boden. Da begann der Alte zu singen. Mit samtweicher Stimme sang er in einer Sprache, die sie nicht verstand, doch Bilder formten sich vor ihrem inneren Auge, von beruhigend schönen Landschaften, die so rein waren, und von klaren Flüssen, die das Land durchzogen. Sie bemerkte nicht, dass sie einschlief, während der Alte seine Melodie weiter sang.

Als sie wach wurde, war sie alleine. Einige Früchte und eine schnell dahingekritzelte Karte lagen neben ihr. Sie fand den Weg zu ihren Autos und wurde dort wie eine lang Vermisste aufgenommen. Wo war sie gewesen? Was hatte sie getan? Was war mit dem Alten? Hatte er sie angefasst? Sie schüttelte nur den Kopf. War ihnen nicht klar, dass er nach anderen Gesetzen lebte und dass diese eine Vergewaltigung ganz sicher nicht einschlossen?

Ihr Reisebegleiter kümmerte sich um sie, entschuldigte sich. Doch sie schüttelte nur unwillig den Kopf. Zurück im Hostel duschte sie, packte ihre Sachen und schrieb ihrem Begleiter, der mit den anderen in einem Pub geblieben war, eine kurze Notiz. Dann ging sie zum Bus. Während sie auf diesen wartete, stand er auf einmal vor ihr, bat sie zu bleiben, verstand nicht, warum sie gehen wollte. Was wolle sie denn ohne ihn? Ja, was? Vielleicht die Welt erobern, frei von allem sein und eine gute Reise haben? Vier Monate hatte sie ihm hier gegeben, hatte sich kleinmachen lassen und bei jedem Mädel das Schlimmste befürchtet, obwohl er ihr sagte, dass er sie liebte. Trotz der Mädels. Er würde vielleicht einsam ohne sie sein, doch sie war einsam mit ihm.

Am Rand des TransitCenter stand der alte Mann. Er stand nur da, winkte, lächelte, nickte und wünschte ihr auf diese Art Glück. Ihr Bus kam. Sie gab ihrem ehemaligen Reisebegleiter einen Kuss, lang und intensiv, und ließ ihn stehen.

Auf einmal war da etwas in ihr. Ein Gefühl. Es hatte etwas mit Freiheit zu tun. Endlich Freiheit.

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22 Kommentare zu „Die Freiheit im Alleinsein

  1. Hat dies auf farbenfroehlich rebloggt und kommentierte:
    Eine kurze Geschichte einer anderen Bloggerin. In der Situation befand ich mich auch einmal und erinnere mich dank dieser Geschichte nur zu gern daran, wie schön die „Heilung“ war und welch ein Gefühl in mir erwuchs, als ich die Person, die ich zu lieben glaubte, endlich verließ.

      1. Es geht um den ersten Satz: Darin beschreibst du alle möglichen Ärgernisse, die zusammen die unangenehme Lage der Protagonistin deutlich machen. Das gelingt auch gut, vor allem, weil du fast nur negative Verben verwendest: zog, rieb, brannten. Was aber ein bisschen aus dem Rahmen fällt, ist das Verb „liefen“: Das ist an sich neutral, und auch das Durch-den-Sand-Laufen kann (z.B. bei einem Strandspaziergang) als angenehm empfunden werden. Der Satz wäre meiner Meinung nach stilistisch einheitlicher, wenn das auch ein negativ besetztes Verb wäre. Vielleicht „versanken im Sand“? Oder etwas anderes, was dir passender erscheint.

        Oder gar nichts, vielleicht hast du dir gut überlegt, wie du das schreibst, und dich bewusst dafür entschieden. Das ist nur mein persönlicher Eindruck 🙂

      2. Danke für die Antwort!
        Mit „versanken“ bin ich nicht so einverstanden, weil das kein Synonym für „liefen“ ist. Aber ich habe es geändert. Wie findest du es nun?

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