Der Junge, der Träume schenkte

Hinter ‘Der Junge, der Träume schenkte’, ein etwas sperriger und nicht so recht zum Buch passender Titel, verbirgt sich die Geschichte um den aus einer Vergewaltigung in Italien hevorgegangenen Jungen Natale, der durch die amerikanische Einwanderungsbehörde den Namen Christmas erhält. Seine Mutter, Cetta, erreicht 14jährig Amerika und bringt hier sich und ihren Sohn als Hure durch, doch ihr Sohn soll, so ihr fester Wille, ein echter Amerikaner sein.

In Zeitsprüngen erzählt der Roman im ersten Teil von Cettas und Christmas Kampf um ein besseres Leben, und man taucht ein in die Welt von Filmen wie ‘Es war einmal in Amerika‘; doch Christmas, der zunächst in die dunkle Welt der Gauner und Gangsterbosse hineindrängt, versteht es viel besser, davon in Geschichten zu erzählen, als wirklich zu einem Ganoven zu werden. Daher widmet sich der zweite Teil des Buches dem erfolgreichen Versuch Christmas’ mit seinen Geschichten Ruhm, Ansehen und Reichtum zu erlangen.

Die Hauptrolle in seinem Leben spielt aber weder die Unterwelt noch seine Erzählkunst, sondern viel mehr das jüdische Mädchen Ruth, dem er zu Beginn des Buches das Leben rettete, nachdem sie von dem jungen Bill malträtiert wurde, und dem er sich – und sie sich ihm – dadurch stets eng verbunden fühlt. Christmas ist der einzige Mensch, dem Ruth vollkommen vertrauen wird, doch werden sie durch das Schicksal voneinander getrennt, da ihre Eltern nach Kalifornien auswandern und ihre Mutter ihr Christmas’ Briefe vorenthält.

Luca di Fulvio erzählt die Geschichte des amerikanischen Traumes, wenngleich die meisten seiner Figuren ebendiesen nicht erreichen und ihn daher verspotten; sein Schreibstil ist mitreißend und eindringlich, sodass die Gefühle und Charaktere der meisten Figuren, auch wenn sie nur Nebenrollen einnehmen, transparent und einleuchtend sind, nur Cettas Charakter bleibt kaum fassbar. Durch den Nebenstrang um Ruths Peiniger Bill, dessen Gewaltfantasien und Gewaltakte schonungslos beschrieben werden, wird die Geschichte von Christmas’ und Ruth geöffnet, sodass sie nie nur auf diese beiden fokussiert ist. Di Fulvio flicht viele liebenswerte Nebenfiguren ein und schafft es, den Leser nahezu konstant über die 780 Seiten zu fesseln.

Es ist ein Buch, das in eine andere Zeit versetzt, Gedanken und Handlungsweisen unterschiedlicher Menschen offenlegt und sie nie nur einfach verurteilt, wobei es sicherlich für einige Leser befremdlich sein mag, sich in dem Kopf von Bill, einem Vergewaltiger und Mörder, einzufinden. Man kann dem Autor vielleicht vorhalten, dass er das Buch überfrachtet mit den parallel laufenden Erzählsträngen, Handlungsplätzen, den Geschichten aus dem Gangstermilieu der 1920er Jahre und denen aus der aufstrebenden Filmbranche in Hollywood, doch meines Erachtens schafft er es, den Leser in die nie oberflächliche Geschichte eintauchen zu lassen – und das lässt sich so nicht mehr von vielen Büchern sagen.

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